Neurale Muskelatrophie (Charcot, Marie, Tooth), X-chromosomal vererbt (CMTX1). Die hereditären motorischen und sensorischen Neuropathien (HMSN) gehören zu dem Kreis der sogenannten neuromuskulären Erkrankungen.
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Neurale Muskelatrophie (Charcot, Marie, Tooth), X-chromosomal vererbt (CMTX1)

von Dr. med. Carsten Schröter

1. Einleitung

Die hereditären motorischen und sensorischen Neuropathien (HMSN) gehören zu dem Kreis der sogenannten neuromuskulären Erkrankungen. Die HMSN-Erkrankungen spielen sich an den Nervenfasern ab, die Ausläufer der motorischen Nervenzellen im Rückenmark darstellen und bis zu den Muskeln ziehen (s. auch die schematische Übersicht in www.muskelkrankheit.de und www.h-m-s-n.de ). Typischerweise sind die Symptome geringer ausgeprägt im Bereich der Nervenfasern, die die Sensibilität (Gefühlsempfinden) von der Haut bis zum Rückenmark bzw. zum Hirnstamm weiterleiten.

Die Bezeichnung "Neurale Muskelatrophie" wird auf Johann Hoffmann zurückgeführt, der in einem Beitrag aus dem Jahre 1889 von der "progressiven neurotischen Muskelatrophie" sprach. Im angloamerikanischen Sprachraum sind die Ausdrücke "peronäale Muskelatrophie" als Vorschlag von Howard Henry Tooth (1886) und Charcot-Marie Tooth disease unter Berücksichtigung der beiden Publikationen von Charcot und Marie einerseits und Tooth andererseits aus dem Jahre 1886 üblich. In den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gelang es durch Nervenleitgeschwindigkeitsmessungen zwei Formen dieser vermeintlich einheitlichen neuralen Muskelatrophien zu unterscheiden. Inzwischen hat aber die von Dyck (1984) erarbeitete Systematik, die mehrere Typen unterscheidet, weite Verbreitung gefunden. Er teilte die Neuralen Muskelatrophien in verschiedene Gruppen von "hereditary motor and sensory neuropathies" ein, kurz HMSN ein.

Auch durch die Vererbung lassen sich verschiedene Formen unterscheiden. Die Erkrankungen werden vorwiegend autosomal dominant, aber einige auch autosomal rezessiv vererbt. Eine besondere Vererbungsform der HMSN ist die X-chromosomale. Über die Besonderheiten dieser Erkrankungsform soll im folgenden zusammenfassend berichtet werden. Gerade in den Arbeiten der Humangenetiker wird statt HMSN in der Regel CMT (für Charcot-Marie-Tooth disease) als Kürzel verwendet. CMTX steht dann für X-chromosomal vererbte Formen der HMSN.

2. X-chromosomal rezessive Vererbung

Wir besitzen in jeder Zelle 46 Chromosomen. 44 davon haben die keine Bedeutung für das Geschlecht, die sogenannten Autosomen. Die beiden Geschlechtschromosomen der Frau sind zwei X-Chromosomen, der Mann hat ein X- und ein Y-Chromosom. Beim X-chromosomalen Vererbungsmodus ist die Frau Überträgerin des Merkmals, die sogenannte Konduktorin. Sie selber ist in der Regel gesund oder nur gering betroffen. Das beruht darauf, dass sie ein weiteres X-Chromosom mit einem "gesunden" Gen besitzt, welches zumeist das Auftreten der Erkrankung verhindert. In der Zelle der Frau ist eines der X-Chromsomen inaktiv. Dabei ist es in einer Zelle dem Zufall überlassen, ob es das eine oder das andere X-Chromsom ist. Ist zufällig ganz vorwiegend das gesunde X-Chromosom inaktiv, so kann die Frau auch Krankheitszeichen aufweisen. Im Schema sind in den oberen Kästchen das X- und das Y-Chromosom des Vaters, in den linken Kästchen die X-Chromosomen der Mutter angegeben. Die markierten Felder sollen angeben, dass hier ein X-Chromosom die Information für das Auftreten der Erkrankung beinhaltet.

Schema der X-chromosomalen Vererbung

Vater ->
Mutter
X Y
X XX XY
X XX XY

Somit gilt ganz global:

Das Risiko für Jungen, zu erkranken beträgt 50%,

das Risiko für Mädchen, Konduktorin, also Überträgerin, zu sein, eventuell aber auch Zeichen der Krankheit auszuweisen, beträgt 50%.

Für die einzelnen X-chromosomal vererbten Erkrankungen sind hier aber Besonderheiten zu beachten, so dass dieses Schema keine humangenetische Beratung ersetzen kann und soll!

Heute werden drei Varianten der HMSN angenommen, die X-chromosomal vererbt werden:

                Genort:

CMTX1   Xq13

CMTX2   Xp22.2 (1 Familie bisher beschrieben)

CMTX3   Xq26 (2 Familien bisher beschrieben)

Dabei bedeutet Xq13, dass der Genort auf dem X-Chromosom liegt, dort sich auf dem langen Arm (= q; kurzer Arm = p) befindet, und die Zahlen hinter den Buchstaben geben eine Kartierung des jeweiligen Armes an.

Auf dem Genort Xq13 wird ein Eiweiß (Connexin 32, Cx32) kodiert, das an Verbindungen zwischen Teilen des Nervensystems, den sogenannten Schwann-Zellen und Oligodendrozyten, vorkommt. Schwann-Zellen stellen Isolierungen der Nervenfasern dar, Oligodendrozyten Stützgewebe von Nervenzellen und -fasern.

3. HMSN, X-chromosomal vererbt (CMTX) - das Krankheitsbild

Da die X-chromosomal vererbte Form der HMSN sehr selten ist werden immer nur einzelne Familien beschrieben, keine großen Patientengruppen wie beispielsweise für die HMSN Typ1 (s. www.h-m-s-n.de). Dadurch ist auch die spezielle Symptomatik nicht so gut und umfassend beschrieben wie bei den häufigeren Formen.

Bei der CMTX1 sind Männer generell schwerer betroffen als Frauen, die selbst nur leicht bis mäßig erkrankt sind. Aber auch einzelne schwer betroffene Frauen wurden beschrieben. Die Erkrankung begann jeweils in der frühen Kindheit mit Hohlfüßen und Schwächen der Fußhebermuskulatur, ebenfalls der kleinen Handmuskulatur sowie Gefühlsstörungen. In Einzelfällen wurden Hörstörungen beschrieben.

Bei der Elektroneurographie (Nervenleitgeschwindigkeitsmessung) fanden sich verminderte Leitgeschwindigkeiten als Zeichen einer Schädigung der Markscheiden, also der Isolierung der Nervenfasern, sowie Zeichen eines Untergangs von Nervenfasern. Ein Verlust an Nervenfasern wurde auch durch Nervenbiopsien belegt.

Es gibt auch wenige Berichte, die über eine Einbeziehung des Gehirns berichteten. Bei diesen wenigen Einzelberichten scheint es sich aber um Ausnahmen zu handeln.

Dieses Krankheitsbild ist also durch die ärztliche Untersuchung des Patienten nicht von den anderen Formen der HMSN abzugrenzen. Hinweisgebend ist im Einzelfall, dass die Erkrankung in einer Familie nur bei Männern vorkommt oder dass Frauen in einer Familie regelmäßig deutlich geringer betroffen sind als die Männer.

Eine Zusammenstellung der Literatur zur CMTX1 ist unter www.ncbi.nlm.nih.gov/entrez/dispomim.cgi?id=302800 in englischer Sprache zu finden.

CMTX2 wurde erst Anfang der 90er Jahre bei 1 Familie beschrieben, ebenfalls mit Beginn in der Kindheit, Schwäche und Verschmächtigung der Unterschenkelmuskeln sowie Hohlfüßen. Störungen der geistigen Leistungsfähigkeit fanden sich bei zwei von fünf Patienten. Frauen waren bei dieser Form der Erkrankung nicht betroffen.

CMTX3 wurde bei 2 Familien ebenfalls Anfang der 90er Jahre beschrieben. In einer der Familien wurde ein Beginn im Alter von 10 bis 14 Jahren mit Schwächen der Unterschenkelmuskulatur und Gefühlsstörungen an den Füßen beschrieben, bei der anderen Familie auch spastische Lähmungen der Beine. Auch bei diesen Formen waren die Konduktorinnen (Überträgerinnen) nicht betroffen.

Wenn Sie Fragen zu diesem Thema haben, stehen wir jederzeit gern zur Verfügung,
unter der Telefonnummer 05652/55861 oder besser per E-Mail: Neurologie

Mit den besten Wünschen, insbesondere für Ihre Gesundheit
Dr. med. Carsten Schröter

Chefarzt der Neurologischen Abteilung der Klinik Hoher Meissner
Arzt für Neurologie
Physikalische Medizin, Rehabilitationswesen

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